Kurz gesagt
Es kommt darauf an, wer gemessen wurde. Dieselbe Frage brachte 2010 auf einer Testseite 83,6 Prozent einzigartige Abdrücke, 2018 auf einer gewöhnlichen Nachrichtenseite nur 33,6 Prozent. Der Unterschied liegt nicht an der Technik, sondern an den Menschen: Wer eine Testseite zum Thema aufruft, ist schon vorher ungewöhnlich. Eine Quote, die für dich persönlich gilt, kann dir niemand nennen, ohne Abdrücke zu sammeln und aufzubewahren.
Was eine solche Zahl voraussetzt
Seiten, die dir sagen „du bist einzigartig unter 200.000“, vergleichen deinen Fingerabdruck mit einer eigenen Sammlung. Das ist der springende Punkt: Diese Zahl entsteht nur, weil jemand Abdrücke aufbewahrt — deinen eingeschlossen. Ohne Sammlung gibt es keine Quote.
Damit hängt jede solche Zahl an zwei Dingen, die man kennen muss, bevor man sie glaubt: an der Größe der Sammlung und daran, wer darin steckt. Beides steht selten dabei.
Der zweite Punkt wiegt schwerer als der erste. Eine Sammlung aus Besuchern einer Testseite für Datenschutz enthält überdurchschnittlich viele Menschen mit ungewöhnlichen Einstellungen — und in einer Menge lauter Ungewöhnlicher ist fast jeder einzigartig. Das ist kein Messfehler, sondern eine Eigenschaft der Gruppe.
Drei Untersuchungen, drei sehr verschiedene Zahlen
Die Autoren der Untersuchung von 2010 schreiben selbst dazu, ihre Stichprobe sei so stark zu technisch gebildeten und datenschutzbewussten Nutzern verschoben, dass es wenig sinnvoll sei, sie auf die Gesamtheit der Internetnutzer hochzurechnen. Die Übersichtsarbeit von 2019 zieht denselben Schluss aus dem Vergleich: Entscheidend sei, wo gesammelt wurde.
Die Zahl von 2018 ist deshalb die aussagekräftigere für gewöhnliches Surfen — und sie fällt zwei- bis dreimal niedriger aus. Besonders deutlich ist der Abstand bei Mobilgeräten: 18,5 Prozent gegenüber 81 Prozent. Mobilgeräte gleichen sich stark, weil es wenige Modelle gibt und kaum etwas daran einzustellen ist.
Was daraus nicht folgtAuch 33,6 Prozent sind viel. Ein Drittel der Leser dieser Nachrichtenseite war an einem einzigen Seitenaufruf eindeutig wiederzuerkennen, ohne Cookie und ohne Anmeldung. Die Zahl widerlegt die Gefahr nicht, sie rückt nur ihre Größe zurecht.
Was ein einzelnes Merkmal wiegt
Wie stark ein Merkmal dich eingrenzt, misst man in Bit: Ein Bit halbiert die Zahl der Menschen, die noch in Frage kommen — mehr dazu unter Entropie und Bit und Anonymitätsmenge. Die drei Untersuchungen haben das je Merkmal ausgerechnet.
Drei Dinge fallen auf. Erstens verlieren die früher stärksten Merkmale an Kraft: Zusatzprogramme sind aus den Browsern verschwunden, die Schriftenliste ist schwerer auszulesen. Zweitens ist das Nicht-verfolgen-Signal 2018 aussagekräftiger als 2016 — es einzuschalten macht dich auffälliger, nicht unauffälliger. Drittens sagt „nimmt Cookies an“ 2018 gar nichts mehr aus, weil es praktisch alle tun.
Warum man die Bits nicht zusammenzählen darf
Die naheliegende Rechnung ist falsch. Zwei Werte darf man nur dann addieren, wenn beide Merkmale statistisch unabhängig sind — und das sind sie in aller Regel nicht. Diesen Vorbehalt schreibt die Untersuchung von 2010 ausdrücklich in ihre eigene Herleitung.
Wie groß der Unterschied ist, zeigt dieselbe Arbeit von 2018 an sich selbst: Addiert man ihre Einzelwerte, kommt man auf rund 54 Bit. Für den ungünstigsten Fall geben die Autoren für denselben Datensatz aber 21,0 Bit an — nicht einmal die Hälfte. Die Differenz ist genau das, was die Merkmale gemeinsam haben.
- Wer „Finger“ als Zeigegerät meldet, meldet fast immer auch ein schmales, hochkant gehaltenes Fenster. Das sind drei Angaben, aber kaum mehr Information als eine.
- Wer die Schrift Segoe UI hat, hat Windows — und damit ist die Browserkennung schon halb erraten.
- Umgekehrt gilt: Ein Merkmal, das bei fast allen gleich ausfällt, trägt fast nichts bei, auch wenn es viele mögliche Werte hätte.
Deshalb nennt HexWarte je Zeile nur eine Obergrenze — wie viel diese eine Frage höchstens verraten kann, weil sie nur so und so viele Antworten kennt. Was am Ende wirklich zusammenkommt, weiß nur, wer Abdrücke sammelt und vergleicht.
Ein Beispiel: zwei Menschen, dieselbe Zahl
Anna und Ben bekommen auf einer Testseite beide gesagt: „einzigartig unter 300.000 Abdrücken.“ Der Satz bedeutet für beide etwas völlig anderes.
- Anna surft mit einem frisch eingerichteten Standardbrowser auf einem verbreiteten Mobilgerät. Dass sie in dieser Sammlung einzigartig ist, liegt vor allem daran, wer sonst noch darin steckt. In der Menge aller Menschen, die diese Nachrichtenseite lesen, teilt sie ihr Muster mit vielen.
- Ben hat eine seltene Schriftart installiert, seine Fenstergröße von Hand gesetzt und eine Bedienungshilfe eingeschaltet. Er ist nicht nur in dieser Sammlung einzigartig, sondern fast überall — und zwar dauerhaft, weil diese Merkmale sich selten ändern.
Dieselbe Zahl, zwei verschiedene Wahrheiten. Ohne die Frage „gemessen in welcher Menge?“ ist eine Seltenheitsquote kaum zu gebrauchen. Wer wissen will, wie gut er geschützt ist, fragt besser: Wie viele Merkmale von mir weichen vom Üblichen ab, und wie stabil sind sie?
Der Schutz, der auffällig macht
Aus den Zahlen folgt etwas, das der Intuition widerspricht. Die Untersuchung von 2010 hat es an ihren eigenen Daten gezeigt: Browser mit einem Flash-Blocker trugen im Mittel 18,7 Bit — deutlich mehr als der Durchschnitt. Browserkennungen, in denen der Name eines Datenschutzprogramms stand, trugen allein schon 15,5 Bit. Alle sieben Nutzer eines als datenschutzfreundlich beworbenen Browsers waren einzigartig.
Eine Maßnahme, die dich vom Üblichen entfernt, kann dich also schlechter stellen, solange sie kaum jemand ergreift. Sinnvoller Schutz macht dich nicht besonders, sondern gleicht dich an viele andere an — genau das ist die Linie des Tor Browsers, siehe Fingerabdruckschutz im Vergleich und Letterboxing.
Eine Ausnahme mit BelegenDieselbe Arbeit stellt fest, dass rund 90 Prozent der damaligen Rechner-Browser einzigartig waren — und dass die am wenigsten einzigartigen darunter häufig JavaScript abgeschaltet hatten. Ohne Skript bleiben schlicht weniger Merkmale übrig, über die man sich unterscheiden kann.
Was du brauchst, um das nachzuprüfen
- Die drei Arbeiten sind frei verfügbar; die Quellen unten verlinken sie. Die Zahlen in diesem Artikel stehen dort in Tabellen, nicht im Fließtext.
- Eine eigene Messung ersetzt das nicht: Was du auf einer Testseite siehst, gilt für die Sammlung dieser Seite, nicht für die Welt.
- Willst du sehen, welche Merkmale überhaupt abgefragt werden können, reicht der Blick ohne JavaScript — dort steht je Zeile, wie viel sie höchstens verraten kann.
HexWarte nennt bewusst keine eigene Quote. Dafür müssten wir Abdrücke aufbewahren und vergleichen, und genau das ist der Vorgang, vor dem diese Plattform warnt. Die Zahlen aus den Untersuchungen sind fest eingebaut und datiert; dein Wert wird dafür an niemanden gesendet und mit nichts abgeglichen.
Was dieser Artikel nicht sagt
- Die Zahlen stammen aus 2010, 2016 und 2018. Seitdem hat sich die Technik verschoben: Zusatzprogramme sind verschwunden, Canvas und Grafikeinheit sind dazugekommen. Als Größenordnung taugen sie, als tagesaktuelle Messung nicht.
- Keine dieser Zahlen ist eine Aussage über dich. Es sind Mittelwerte über eine Gruppe, und du bist keine Gruppe.
- Die Werte gelten je Untersuchung nur für die Merkmale, die dort erhoben wurden. Ein Strich in der Tabelle heißt „nicht gemessen“, nicht „trägt nichts bei“.
- Dieser Artikel bewertet keine Testseite. Dass AmIUnique und Cover Your Tracks Abdrücke sammeln, ist für ihren Zweck folgerichtig; es ist nur der Grund, warum sie eine Quote nennen können und HexWarte nicht.
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Geprüft am 23. September 2026. Die Einordnung ist eine fachliche Bewertung, keine Rechtsberatung. Einen Fehler gefunden? Die Kontaktdaten stehen im Impressum.